CHICAGO-ERKLÄRUNG ZUR IRRTUMSLOSIGKEIT DER BIBEL

 

Artikel  I

Wir bekennen, dass die Heilige Schrift als das autoritative Wort Gottes anzunehmen ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Schrift ihre Autorität von der Kirche, der

Tradition oder irgendeiner anderen menschlichen Quelle erhielte.

Artikel II

Wir bekennen, dass die Schrift die höchste schriftliche Norm ist, durch die Gott das Gewissen

bindet und dass die Autorität der Kirche derjenigen der Schrift untergeordnet ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass kirchliche Bekenntnisse, Konzilien oder Erklärungen eine

höhere oder gleichrangige Autorität gegenüber der Autorität der Bibel hätten.

Artikel III

Wir bekennen, dass das geschriebene Wort in seiner Gesamtheit von Gott gegebene Offenbarung ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Bibel lediglich ein Zeugnis von der Offenbarung sei oder nur

durch die Begegnung mit ihr Offenbarung werde oder dass sie in ihrer Gültigkeit von einer Antwort des

Menschen abhängig sei.

Artikel IV

Wir bekennen, dass Gott, der die Menschheit in seinem Bild geschaffen hat, die Sprache als Mittel

seiner Offenbarung benutzt hat.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die menschliche Sprache durch unsere Kreatürlichkeit so

begrenzt sei, dass sie als Träger göttlicher Offenbarung ungeeignet sei. Wir verwerfen ferner die

Auffassung, dass die Verdorbenheit der menschlichen Kultur und Sprache durch Sünde Gottes Werk

der Inspiration vereitelt habe.

Artikel V

Wir bekennen, dass Gottes Offenbarung in der Heiligen Schrift eine fortschreitende 1 Offenbarung war.

Wir verwerfen die Auffassung, dass eine spätere Offenbarung, die eine frühere Offenbarung erfüllen

mag, diese jemals korrigiere oder ihr widerspräche. Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass

irgendeine normative Offenbarung seit dem Abschluss des neutestamentlichen Kanons gegeben worden sei.

Artikel VI

Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und alle ihre Teile bis zu den Worten des Urtextes 2 

von Gott durch göttliche Inspiration gegeben wurden.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Inspiration der Schrift in ihrer Ganzheit ohne  ihre Teile oder

in einigen Teilen ohne ihre Ganzheit recht bekannt werden könne.

 

1 Oder: progressiv

2 Oder: des Originales

 

Artikel VII

Wir bekennen, dass die Inspiration jenes Werk war, in dem Gott uns durch seinen Geist durch menschliche

Schreiber sein Wort gab. Der Ursprung der Schrift ist Gott selbst. Die Art und Weise der göttlichen Inspiration

bleibt zum größten Teil ein Geheimnis für uns.

Wir verwerfen die Auffassung, dass Inspiration auf menschliche Einsicht oder einen höheren

Bewusstseinszustand irgendeiner Art reduziert werden könne.

Artikel VIII

Wir bekennen, dass Gott in seinem Werk der Inspiration die charakteristischen Persönlichkeiten und

literarischen Stile der Schreiber, die er ausgewählt und zugerüstet hatte, benutzte. 

Wir verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser Schreiber ausgeschaltet habe,

als er sie dazu veranlasste, genau die Worte zu gebrauchen, die er ausgewählt hatte.

Artikel IX

Wir bekennen, dass die Inspiration zwar keine Allwissenheit verlieh, aber wahre und zuverlässige 3  Aussagen

über alle Dinge, über welche die biblischen Autoren auf Gottes Veranlassung hin sprachen und schrieben,

garantierte.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Begrenztheit oder das Gefallensein dieser Schreiber notwendigerweise

oder auf andere Weise Verzerrungen oder Fehler in Gottes Wort eingeführt habe.

Artikel X

Wir bekennen, dass die Inspiration streng genommen nur auf den autographischen Text der Schrift zutrifft,

der aber durch die Vorsehung Gottes anhand der zur Verfügung stehenden Handschriften mit großer

Genauigkeit ermittelt werden kann. Wir bekennen ferner, dass Abschriften und Übersetzungen der Schrift soweit

Gottes Wort sind, als sie das Original getreu wiedergeben.

Wir verwerfen die Auffassung, dass irgendein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens von dem

Fehlen von Autographen betroffen sei. Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass ihr Fehlen die Verteidigung

der biblischen Irrtumslosigkeit nichtig oder unerheblich 4 mache.

Artikel XI

Wir bekennen, dass die Schrift unfehlbar ist, da sie durch göttliche Inspiration vermittelt wurde, so dass sie,

da sie weit davon entfernt ist, uns irrezuführen, wahr und zuverlässig in allen von ihr angesprochenen Fragen ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass es möglich sei, dass die Bibel zur gleichen Zeit unfehlbar ist und sich

in ihren Aussagen irrt. Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit dürfen unterschieden, nicht aber voneinander

getrennt werden.

 

3 Oder: glaubwürdige

4 Oder: irrelevant

 

Artikel XII

Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos und damit frei von Fehlern, Fälschungen

oder Täuschungen ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass sich die biblische Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit auf geistliche,

religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränke und Aussagen im Bereich der Geschichte

und Naturwissenschaft davon ausgenommen seien. Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass wissenschaftliche

Hypothesen über die Erdgeschichte mit Recht dazu benutzt werden dürften, die Lehre der Schrift über

Schöpfung und Sintflut umzustoßen.

Artikel XIII

Wir bekennen, dass es angemessen ist, Irrtumslosigkeit als theologischen Begriff für die vollständige

Zuverlässigkeit 5 der Schrift zu gebrauchen.

Wir verwerfen die Auffassung, dass es angemessen sei, die Schrift anhand von Maßstäben für Wahrheit

und Irrtum zu messen, die ihrem Gebrauch und ihrem Zweck fremd sind. Wir verwerfen ferner, dass

die Irrtumslosigkeit von biblischen Phänomenen wie dem Fehlen moderner technischer Präzision,

Unregelmäßigkeiten der Grammatik oder der Orthographie, Beschreibung der Natur nach der

Beobachtung, Berichte über Unwahrheiten, dem Gebrauch von Übertreibungen oder gerundeten Zahlen,

thematischer Anordnung des Stoffes, unterschiedlicher Auswahl des Materials in Parallelberichten oder

der Verwendung freier Zitate in Frage gestellt werde.

Artikel XIV

Wir bekennen die Einheit und innere Übereinstimmung der Schrift.

Wir verwerfen die Auffassung, dass angebliche Fehler und Widersprüche, die bis jetzt noch nicht gelöst

wurden, den Wahrheitsanspruch der Bibel hinfällig machen würden.

Artikel XV

Wir bekennen, dass die Lehre von der Irrtumslosigkeit in der Lehre der Bibel über die Inspiration gegründet ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass man die Lehre Jesu über die Schrift mit dem Hinweis auf eine Anpassung

[an die Hörer] oder auf irgendeine natürliche Begrenztheit seines Menschseins abtun könne.

Artikel XVI

Wir bekennen, dass die Lehre von der Irrtumslosigkeit ein integraler Bestandteil des Glaubens der Kirche in

ihrer Geschichte war.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit eine Lehre sei, die der „scholastische Protestantismus“

erfand oder eine reaktionäre Position sei, die als Reaktion auf die negative Bibelkritik 6 postuliert wurde.

Artikel XVII

Wir bekennen, dass der Heilige Geist Zeugnis für die Schrift ablegt und den Gläubigen die Zuverlässigkeit 7  

des geschriebenen Wort Gottes versichert.

Wir verwerfen die Auffassung, dass dieses Zeugnis des Heiligen Geistes von der Schrift isoliert sei oder

gegen die Schrift wirke.

Artikel XVIII

Wir bekennen, dass der Text der Schrift durch grammatisch-historische Exegese auszulegen ist, die die

literarischen Formen und Wendungen berücksichtigt, und dass die Schrift die Schrift auslegt.

Wir verwerfen die Berechtigung jeder Behandlung des Textes und jeder Suche nach hinter dem Text

liegenden Quellen, die dazu führen, dass seine Lehren relativiert, für ungeschichtlich gehalten oder verworfen oder

seine Angaben zur Autorschaft abgelehnt werden.

Artikel XIX

Wir bekennen, dass ein Bekenntnis der völligen Autorität, Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift für ein

gesundes Verständnis des ganzen christlichen Glaubens lebenswichtig ist. Wir bekennen ferner, dass solch

ein Bekenntnis dazu führen sollte, dass wir dem Bild Christi immer ähnlicher werden.

Wir verwerfen die Auffassung, dass ein solches Bekenntnis zum Heil notwendig sei. Wir verwerfen jedoch

darüber hinaus auch die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit ohne schwerwiegende Konsequenzen, sowohl

für den einzelnen, als auch für die Kirche, verworfen werden könne.

 

 

5 Oder: Glaubwürdigkeit

6 Englisch: negative higher criticism

7 Oder: Glaubwürdigkeit